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Dominanzkultur und Einwanderung:
Das Verhältnis von türkischen ArbeitsmigrantInnen in Göttingen zu Neuen MigrantInnen

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Die Datei beinhaltet den kompletten Text der Arbeit sowie den deutschsprachigen Teil des für eine Befragung benutzten Fragebogens. Es gibt den gleichen Fragebogen auch auf Türkisch, der ist jedoch nicht online verfügbar.

Um einen ersten Eindruck zu gewinnen, worum es in der Arbeit geht, ist nachfolgend das erste Kapitel der Arbeit - die Einleitung - zu lesen. Sie gibt wohl nicht die Ergebnisse wieder, dafür umreisst sie aber die Fragestellung relativ treffend.

Einleitung

Im Laufe der letzten Jahre ist es im Zuge der staatlichen Deregulierungsmaßnahmen und der dazugehörenden Sozial- und Wirtschaftspolitik zu einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland gekommen. Dies drückt sich in einer fortschreitenden Polarisierung in untere und obere Schichten aus, in der die Mittelschicht zunehmend kleiner wird - eine Entwicklung, die in den USA schon länger zu beobachten ist. Der Arbeitsmarkt zum Beispiel, als einer der entscheidenden Bereiche für die Lebensgestaltung der Menschen, wird immer mehr ethnisch segmentiert. Es findet eine zunehmende Hierarchisierung der Lebensverhältnisse in allen gesellschaftlichen und sozialen Gruppen statt, und eine dieser Gruppen sind die MigrantInnen, die - überweigend am unteren Ende der sozialen Pyramide stehend - besonders von diesen Erscheinungen betroffen sind (vgl. Lutz 1995 und Parsdorfer 1995).

Nun wird an manchen Stellen der neueren Literatur, die sich mit dem Thema Migration beschäftigt, gelegentlich darauf hingewiesen, daß sich MigrantInnen untereinander distanzieren und ausgrenzen. Vor allem seit dem Wegfall des sozialistischen Systems am Ende der achtziger Jahre und den danach einsetzenden Wanderungen scheint sich auch die Einwanderer- und MigrantInnengesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland weiter auszudifferenzieren. Bieling verweist auf den anhaltenden gesellschaftlichen Umstrukturierungsprozess im Postfordismus und vermutet, "daß sich der Kampf [der MigrantInnen] um die besseren Integrationsmöglichkeiten zuspitzt". Es scheint im Rahmen dieser Umstrukturierung zu einer neuen hierarchischen Gliederung der Gesellschaft zu kommen, in der sich italienische gegen türkische Einwanderer, ehemalige Gastarbeiter gegen DDR-Flüchtlinge, Aussiedler gegen Spätaussiedler usw. ausgrenzen (vgl. Bieling 1993: 122; Just 1989: 32; Bade 1994a: 62). Es herrschen wohl nicht nur unter den "Deutschen" Bedrohungsängste:

"Wir wissen von der Angst vieler Menschen in der Bundesrepublik - Deutsche und Ausländer - um ihre Zukunft und ihrer Furcht vor einer weiteren Zuwanderung aus den Ländern des Südens und des Ostens" (DGB 1996: 6, Hervorhebung von mir).

Die "meisten zugewanderten Gruppen und eine wachsende Mehrheit von Deutschen [zeigen] aggressives Mißtrauen" gegenüber Asylsuchenden, Flüchtlingen und MigrantInnen aus Ost- und Südosteuropa (Bade 1994a: 62). Klaus Wiesehügel von der IG BAU spricht von einer "multinationalen Ablehnung", die nicht unbedingt etwas mit Deutschen und Ausländern zu tun habe (Gesterkamp/Hebauf 1995: 41).

Es gibt jedoch kaum empirische Belege für diese Aussagen oder Verweise auf entsprechende Untersuchungen, und Recherchen in verschiedenen Bibliotheken lieferten nur eine Arbeit von Hergesell aus dem Jahre 1994, der mit Hilfe qualitativer Interviews und teilnehmender Beobachtung in einem Betrieb die "interethnischen Beziehungen" untersucht und dabei auch unter den ArbeitsmigrantInnen aus den klassischen Anwerbeländern diskriminierende Verhaltensweisen und Einstellungen feststellt. Es scheint also nur wenige Untersuchungen zu geben, die sich mit Abgrenzungsprozessen von Einwanderern beschäftigen.

Ein Teilaspekt der eben beschriebenen Erscheinungen ist, inwieweit sich die Gruppe der klassischen ArbeitsmigrantInnen von den MigrantInnen der neuen Generation abgrenzt "in der Hoffnung, durch eine Abgrenzung die Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft zu demonstrieren" (Bieling 1993: 122). Erdem hat dazu den scheinbar einzigen Aufsatz verfaßt, der diese Problematik aufgreift, und faßt sie zugleich treffend zusammen:

"Die Gruppe der klassischen ArbeitsmigrantInnen nimmt in der gesellschaftlichen Hierarchie eine Zwischenstellung ein. Einerseits genießt sie in bezug auf ihre gesellschaftliche Verankerung und rechtliche Stellung gegenüber Flüchtlingen und den ArbeitsmigrantInnen der neuen Generation relative Privilegien. Andererseits ist sie selbst Opfer und Objekt rassistischer hierarchischer Gesellschaftsstrukturen. Eine gefährliche Konsequenz des Dilemmas bestünde in dem vermeintlichen Ausweg, sich vorwiegend mit der Gewinnerseite zu identifizieren und deren Ideologien und Praktiken zu übernehmen" (Erdem 1995: 119).

Ein Beispiel, wie sich dies äußern kann, ist einem Leserbrief zu entnehmen, der in der Frankfurter Rundschau erschien und sich mit dem Thema Einwanderung aus der Sicht eines Eingewanderten beschäftigt. Nach diesem Leserbrief sei es ein "Gebot der Humanität, daß die neue Welle der Einwanderung nur dann ins Auge gefaßt werden sollte, wenn für die Rechte und Bleibe der hier bereits lebenden ersten und zweiten Gastarbeitergeneration wirklich Konkretes getan worden ist" (Hussain 1996). Hier schlägt sich der Schreiber eindeutig auf die Gewinnerseite". Er merkt aber immerhin auch noch an, daß er die "Debatte über Einwanderung als eine neue Suche nach Arbeitssklaven, die wieder dem Herrenvolk, den Deutschen" dient, sieht.

Eine solche Einstellung ist auch im politischen Bereich zu sehen. Dort stimmten zum Beispiel die Grünen gegen die Änderung des Asylparagraphen 16 und verloren dadurch eine Reihe von "ausländischen" Mitgliedern, denn "in den Asylbewerbern sahen viele Alteingesessene instinktiv unliebsame Konkurrenz" (Zaptcioglu 1996b).

Warum ist es nur ein "vermeintlicher Ausweg" aus dem Dilemma, wenn sich Einwanderer auf die Gewinnerseite schlagen? Erdem geht es hier um die "Erkenntnis, daß politisch radikale Veränderungen nur gemeinsam mit anderen Opfern einer rassistisch strukturierten Gesellschaft zu erreichen sind" (Erdem 1995: 130). Und Heckmann (1992: 142) sieht darin die Gefahr, daß die "politische Arbeiterklasse" durch die damit zusammenhängende Ethnisierung geschwächt und damit ihre Handlungsmöglichkeiten reduziert würden.

Um nun der Frage, warum und inwieweit sich die Eingewanderten auf die Gewinnerseite schlagen, nachzugehen, wird als theoretischer Rahmen das Konzept der Dominanzkultur von Birgit Rommelspacher (1992 und 1995) verwendet, das auf machttheoretischer Basis eine Erklärung abwehrender, ausgrenzender und rassistischer Tendenzen ermöglicht, ohne in eine ethnische Argumentationslinie zu geraten.

Zentral für dieses Konzept ist der Machtbegriff: Machtunterschiede sind demnach in vielen Lebensbereichen auszumachen. Dabei ist besonders die Auffassung zu betonen, daß Machtstrukturen nicht polarisiert (Unterdrückte - Herrschende) sondern vielschichtig sind und in den damit zusammenhängenden Hierarchien die Menschen sowohl "mächtig" als auch "machtlos" zugleich sein können, je nach betrachtetem Aspekt in der Dominanzkultur. Diese bedeutet jedoch nicht, daß alle Menschen in gleicher Weise mächtig und machtlos seien: sowohl die weitere Existenz von Repression wie auch die einer Hierarchisierung von Menschen mit unterschiedlich starken Machtpotentialen sind Bestandteil der Dominanzkultur. Die Ursachen für Machtunterschiede werden dabei nicht nur in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen gesehen, sondern auch in dem Prozeß, den diese gesellschaftlichen Verhältnisse durchgemacht haben.

Rommelspacher nimmt in ihren Texten unter anderem Bezug auf die Arbeiten von Elias' Etablierten-Außenseiter-Untersuchung, der darin ebenfalls machttheoretisch gearbeitet hat (Elias/Scotson 1990). Das wird in dieser Arbeit aufgegriffen. Darüber hinaus werden in die Vorstellung und Diskussion von Rommelspachers Konzept der Dominanzkultur zusätzliche Aspekte von Elias einfließen, auf die Rommelspacher sich selbst nicht bezieht. Insbesondere geht es dabei um dessen wissenssoziologischen Ansatz von Engagement und Distanzierung (Kapitel 4.2.3). Die Bedeutung dieser Aspekte für das Konzept der Dominanzkultur wird diskutiert.

ArbeitsmigrantInnen sind im Rommelspachers Texten nicht erwähnt. Sie gibt keine direkten Hinweise darauf, inwieweit diese Gruppe Teil der Dominanzkultur ist. Dies wird daher in Kapitel 5 versucht herzuleiten. Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist aber nicht nur die der theoretischen "Zugehörgkeit" von ArbeitsmigrantInnen zur Dominanzkultur, sondern vor allem, wie das Verhältnis der türkischen Einwanderer zu den Neuen MigrantInnen aussieht, welche Privilegien sie den Neuen MigrantInnen zugestehen und welche nicht, und ob dieses mit dem Konzept der Dominanzkultur plausibel erklärt werden kann.